Geistliches Wort

Leben und Feiern auf Pump

Helmut Kramer
Pastor Helmut Kramer

Ein weiterer Beitrag zum Erntedankfest? Sozusagen als Nachlese? Ist das gerechtfertigt?  Menschen im ländlichen Raum, die direkt eingebunden sind in der Einbringung des Ertrags ihrer Arbeit, wissen das Fest des Dankes zu schätzen. Sie und alle anderen Leserinnen und Leser will ich durch diesen Beitrag nicht verärgern; aber wie kaum sonst in den zurückliegenden Jahren ist mir deutlich geworden, dass wir, global gesehen, auch diesmal auf Pump gefeiert haben und für den Rest des Jahres auf Pump leben.

Denn wir leben in unserer Welt und Zeit bereits auf Kosten der zukünftigen Generationen. Das machen uns die Studien zum „earth overshoot day“ (zum „Erdüberlastungstag“ oder „Erderschöpfungstag“) deutlich. Hintergrund ist die Feststellung, dass wir pro Jahr weltweit mehr Ressourcen verbrauchen, als die Erde regenerieren kann. Besagter Tag rückt im Kalender seit Jahren immer weiter an den Anfang des Jahres. In diesem Jahr fiel er auf den 2. August; am Ende des Jahres werden wir weltweit den Gegenwert von 1,7 Erden aufgebraucht haben. (http://www.overshootday.org)

Nun lässt sich gerne argumentieren, das beträfe uns ja wohl nicht, schließlich sprechen Ernte- und Produktionsergebnisse insgesamt eher für Überfluss. Aber mit unserem Lebensstil haben wir in unserem Land bereits am 24. April unsere Ressourcen verbraucht. Das macht deutlich, wie aberwitzig unsere Lebensweise ist: die Menge an Lebensmitteln, die allein in Europa und Nordamerika weggeworfen werden, bevor sie an den Verbraucher gelangen (Mindesthaltbarkeitsdatum, Transportschäden, Qualitätskriterien etc.) würde drei Mal reichen, um alle Hungernden der Welt zu ernähren. Der Welthungerindex 2017, der in diesen Tagen veröffentlicht wurde, spricht eine deutliche Sprache. Wir leben in der Tat auf Pump. Globales Umdenken wäre notwendig.

Was können wir denn überhaupt dazu beitragen? Unsere Landwirte sind ja die ersten Leidtragenden jeder Dumping-Preispolitik. Und wenn auf Vorrat produziert wird, kann ich doch nichts dafür.
Das mag schon stimmen. Und doch können wir in unserer Welt der Verschwendung gegensteuern. Es beginnt im Kleinen. Dass der Hunger in den Entwicklungsländern in den letzten Jahren zurückgegangen ist, lässt in diesem Bereich auf weitere kleine Fortschritte und Erfolge hoffen. Und auch der „Erdüberlastungstag“ rückt inzwischen langsamer nach vorne als früher. Und mit dem nötigen Verantwortungsgefühl für die zukünftige Welt unserer Kinder und Enkelkinder lässt sich auch manche Phantasie entwickeln, dem Trend nach immer weiter und immer höher mit dem bewussten Willen zu Maßhalten und Verzicht entgegenzuwirken.

So wünsche ich uns, dass uns das Dilemma unseres Überflusses nicht träge macht, sondern zum Nachdenken und zum Handeln anregt. Das sind wir unserem Schöpfer schuldig.

Pastor Helmut Kramer, Ehra