Gottes Gerechtigkeit

12. Februar 2020
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Arbeitsrechtlich und betriebswirtschaftlich betrachtet ist die Story ein Skandal: da lässt einer für sich arbeiten und bezahlt sie alle gleich: diejenigen, die 12 Stunden gearbeitet haben und diejenigen, die nur eine Stunde lang dabei waren. Nachzulesen in einem Gleichnis, das Jesus seinen Zuhörern erzählt hat: bei Matthäus im 20. Kapitel. Kein Wunder, dass diejenigen, die die Last und Hitze des ganzen Tages ertragen mussten, sich beschweren. Da kann denn auch die Antwort des Arbeitgebers nicht mehr groß überzeugen: „Nimm, was dein ist, und geh! … Oder habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist?“ (Mt. 20, 14.15)

Doch diese Geschichte hätte Jesus nicht erzählt, wenn er mit ihr nicht eine besondere Botschaft gehabt hätte: in Gottes neuer Welt gibt es andere Maßstäbe von Gerechtigkeit und Liebe, als wir sie kennen: der Wert eines Menschen wird nicht durch den Vergleich mit anderen bemessen und auch nicht über den Faktor Leistung bestimmt. „Ich will euch geben was recht ist“ – mit diesen Worten waren die Arbeiter eingestellt worden. Recht in Gottes Augen ist es, dass es allen Menschen gut geht. Dass alle sich am Leben freuen können. Damit durchbricht Gott alle Erwartungen. Weil er für seine Liebe zu uns Menschen keine Leistung fordert. Gott bemisst unseren Wert nicht nach Leistung. Sondern er beschenkt uns. Wir brauchen nichts zu tun. Wir dürfen uns einfach über Gottes Liebe freuen.

Das zu begreifen, nimmt uns mitunter in einen Lernprozess, der so ähnlich aussehen kann, wie bei Hans:

Hans ist acht Jahre alt. Hans braucht Geld: 6,50 €. Er möchte sich dafür etwas kaufen. Verdienen kann er noch nichts. „Bitte“ sagen mag er diesmal nicht. Da fällt ihm etwas ein: Er schreibt seiner Mutter eine Rechnung:

Für das Anziehen der kleinen Schwester: 1,50 €
Für das Aufpassen:                                    2,00 €
Fürs Einkaufen:                                          3,00 €
Macht zusammen:                                      6,50 €

Vor dem Mittagessen legt er diese Rechnung heimlich unter den Teller der Mutter. Mutter findet den Zettel. Sie liest ihn. Sie schaut Hans an. Sie sagt kein Wort. Sie legt den Zettel in die Kommode. Hans weiß gar nicht, was er davon halten soll. Er ist ganz aufgeregt. Am Abend liegen unter seinem Teller zwei kleine Briefe. In dem ersten Brief sind 6,50 €. In dem anderen Brief liegt ein Zettel. Es ist die Rechnung der Mutter:

Für Essen und Trinken:                                          0,00 €
Fürs Waschen, Plätten und Flicken                       0,00 €
Für die Pflege bei Krankheit:                                  0,00 €
Für Erziehung:                                                       0,00 €
Fürs Liebhaben:                                                     0,00 €
Macht zusammen:                                                 0,00 €

Als Hans das liest, wird er sehr nachdenklich. Leise steht er auf und geht in die Küche. Leise legt er das Geld auf den Küchentisch. Dann geht er schnell wieder hinaus…

Helmut Kramer, Pastor in Ehra-Lessien
(Diese Andacht erschien am 11. Januar 2020 im Isenhagener Kreisblatt)

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