Fröhliche Kinder aus Tschernobyl zu Gast im Kirchenkreis

Fröhliche Kinder aus Tschernobyl zu Gast im Kirchenkreis

Gastfamilien für 2021 gesucht

21. Juli 2020

Die Welt besser machen

Drei Jahrzehnte ist es her, dass die ersten Kinder aus Tschernobyl auf Einladung der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Hannover eintrafen – genau fünf Jahre nach dem Reaktorunfall im damals noch russischen Tschernobyl. Allein im damaligen Kirchenkreis Wittingen waren 1991 230 Kinder zu Gast.

„Die Aktion steht und fällt mit den Gasteltern! Kamen früher nur die Kinder, heute besuchen uns Mütter und Kinder gemeinsam. Das ist für die Gasteltern eine enorme Entlastung, die Kinder sind in der Regel noch nicht im schulpflichtigen Alter“, erklärt der Wittinger Kirchenkreissozialarbeiter Frank Breust. Er ist seit 1991 verantwortlich für die Gastbesuche im Kirchenkreis und damit neben vielen anderen Engagierten der Einzige, der von Anfang an dabei ist. „Bei Breust ist es hängengeblieben“, kommentiert er das und strahlt dabei. Dass ihm die Tschernobyl-Hilfe ein persönliches Anliegen ist, kann er so gar nicht verleugnen.

Verstrahlt - für mindestens 300 Jahre

Vieles hat sich verändert in diesen drei Jahrzehnten – die Sowjetunion ist zerfallen, im August 1991 wurde die Republik Belarus, besser bekannt als Weißrussland, ausgerufen. Die Erholungsgäste kommen aus dem Gebiet um Gomel, der zweitgrößten weißrussischen Stadt, einer besonders stark radioaktiv belasteten Region, etwa 120 km entfernt vom jetzt ukrainischen Tschernobyl. Auf weißrussischem Boden gingen in den Tagen nach dem Reaktorunglück im April 1986 zwei Drittel der ausgetretenen radioaktiven Stoffe nieder, gut ein Fünftel der Republik wurde langfristig radioaktiv verseucht. Experten sagen: das ist mindestens die nächsten 300 Jahre so.

Zunächst waren es vor allem Jod-Nuklide, radioaktive Spaltprodukte mit relativ kurzen Halbwertszeiten von wenigen Stunden bis zu einigen Tagen. Jod, auch die radioaktiven Isotope des schweren Halogens, reichern sich in der Schilddrüse an. Im benachbarten Polen wurden Kinder und auch Erwachsene nach dem Tschernobyl-Reaktorunglück prophylaktisch mit Jod-Tabletten behandelt, um die Schilddrüsen zu schützen, denn Jod kann auch über die Atemluft aufgenommen werden. Das hat funktioniert, in Polen soll es keinen signifikanten Anstieg von Schilddrüsenkrebs gegeben haben. Anders in Weißrussland, wo Jod-Tabletten nicht zur Verfügung standen. Dort ist der Schilddrüsenkrebs bei Kindern, der sonst extrem selten vorkommt, hundertmal häufiger aufgetreten.

Erholung für Körper und Seele

Caesium und Strontium, beides langlebigere Radionuklide, reichern sich ebenfalls im Körper an. Caesium 137 hat eine Halbwertszeit von etwa 30 Jahren, es kann sich über die Nahrungskette anreichern und hat Ähnlichkeit mit Kalium, das sich in allen Zellen findet, insbesondere in Muskelzellen. Caesium und Strontium verursachen Krebs im Skelettsystem und auch in verschiedenen Organen. „Wenn die Kinder zu uns kommen, merken wir: Die sind geschwächt. Auch heute noch, 35 Jahre nach Tschernobyl.“

Erholung für Immunsystem und Seele will die Kirchenaktion bieten. „Das ist optimal hier bei uns in der Natur und mit gesunder, vitaminreicher, nicht radioaktiv belasteter Nahrung. Vier Wochen reichen, um das Immunsystem zu stärken, das wird auch im Blutbild sichtbar“, erläutert Sozialarbeiter Breust. „In Belarus bauen viele Menschen – auch heute noch oder wieder – Obst und Gemüse zum Eigenverzehr an, sie gehen fischen und Heidelbeeren pflücken.“ Was das wenige Jahre nach Erreichen der ersten Halbwertszeit des Caesium-137 bedeutet, lässt sich leicht ableiten, denn noch immer ist die Hälfte des 1986 freigewordenen Caesiums in der Umwelt, den Nahrungsmitteln, den Tieren und Menschen.

„Niemand muss Angst haben, dass die Gastkinder ihre Urlaubsumgebung verstrahlen“, greift Breust möglichen Bedenken vor. Das 30. Tschernobyl-Aktions-Jubiläum ist Corona zum Opfer gefallen und musste kurzfristig abgesagt werden. „Wir wollen aber weitermachen!“ Frank Breust sucht nun also Gasteltern für die Sommermonate im kommenden Jahr. Familien oder Einzelpersonen mit Empathie brauche es für die Gäste aus Weißrussland. „Laden Sie Mutter und Kind in ihren Alltag ein, Sie sind der Dreh- und Angelpunkt dafür, dass die Aktion gelingt“, wirbt er.

Kontakte bleiben über viele Jahre lebendig

„Gasteltern und Mütter müssen zusammenpassen, deshalb machen wir das passgenau.“ Unterstützt wird Breust dabei von Anna, die als 12-Jährige selbst Gastkind in Wittingen war. Anna ist Breusts Ansprechpartnerin in Belarus, sie ist inzwischen selbst Mutter einer 15-Jährigen. Und sie ist ein Beispiel unter sehr vielen, denn oft bleiben der Kontakt zwischen Gastfamilie und BesucherInnen lebendig über Jahre, es gibt auch Gegenbesuche der Gasteltern. Wenn nicht die Menschen in Weißrussland versterben, was auch heute noch häufig der Fall ist.

„Das Sterben geht weiter, vor allem an Leukämien, Schilddrüsen-Krebs und Leberkrebs. Die Immunschwäche ist ein Riesenproblem“, sagt Breust. Besonders betroffen sind die Säuglinge und Kinder, die in der nach wie vor verstrahlten Umwelt geboren werden und aufwachsen. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit hat zugenommen, ebenso sind vermehrt Missbildungen oder Totgeburten festzustellen.

Die finanziellen Belastungen für die Gasteltern während des Aufenthaltes in Deutschland beschränken sich auf Unterkunft und Lebensmittel. Reise- und Versicherungskosten übernimmt die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers, der Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen hält Taschengeld bereit. „An zwei Tagen pro Woche unternehmen wir gemeinschaftlich etwas, das kann ein Ausflug in den hannoverschen Zoo oder an einen Badesee sein.“ Auch Gastfamilien und ehrenamtliche Begleitpersonen für das Betreuungsprogramm in der Stadt Wolfsburg sucht Frank Breust.

„Nicht die großen Reden machen unsere Welt menschenfreundlicher, sondern Hilfsaktionen wie diese“, zitiert der engagierte Sozialarbeiter Breust Eckhart von Vietinghoff, den ehemaligen Präsidenten des hannoverschen Landeskirchenamtes, einem Mit-Initiator der Tschernobyl-Hilfsaktionen. Die 30zigste Tschernobyl-Hilfsaktion findet vom 9. Juni bis zum 6. Juli 2021 statt.

Koordination

Frank Beust
Frank Breust
Junkerstraße 22
29378 Wittingen
Tel.: 05831 8453

Tschernobyl-Hilfe 2021

Die 30zigste Tschernobyl-Hilfsaktion findet vom 9. Juni bis zum 6. Juli 2021 statt.