Gesellschaft und Einzelne brauchen mehr Frustrationstoleranz

Pressemitteilung 23. Juni 2020

Stuttgarter Ausschreitungen: Wolfsburger Psychologe besorgt über fehlende Affektkontrolle

Der Leiter der Ehe- und Lebensberatung im Evangelisch-lutherischen Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen äußert sich nach den Ausschreitungen in Stuttgart besorgt über gesellschaftliche Entwicklungen. „Wir beobachten in unserer Beratungsarbeit seit einigen Jahren eine Zunahme der sogenannten strukturellen Störungen“, stellt Gunter Schuller fest. Damit gehe eine mangelnde Affekt- und Impulssteuerung sowie eine niedrige Frustrationstoleranz einher. „Ursache hierfür sind zu wenige oder fehlende frühkindliche positive Beziehungserfahrungen, die verinnerlicht wurden, mit deren Hilfe man sich selbst beruhigen, trösten oder schützen kann“, erklärt der Psychologe.

Wer diese Chance beispielsweise aufgrund fehlender oder nicht hinreichend stabiler Beziehungen oder traumatisierender gesellschaftlicher Bedingungen nicht gehabt habe, könne Frustrationen, Enttäuschungen oder Entbehrungen nur schwer aushalten und neige dazu, seine Affekte unreflektiert und unkontrolliert auszuagieren. Die weiterhin andauernden Entbehrungen der Corona-Einschränkungen verlangten der Gesellschaft viel ab und bei Menschen mit wenig Frustrationstoleranz staue sich auf Dauer viel Wut an. „Vor diesem Hintergrund können gewalttätige Ausschreitungen schon durch einen vergleichsweise geringen Auslöser, wie beispielsweise eine Polizeikontrolle, ausgelöst werden“, versucht Schuller die aktuellen Vorkommnisse in Stuttgart aus psychologischer Sicht einzuordnen.

Gleichzeitig warnt der Tiefenpsychologe vor vereinfachten Erklärungsversuchen. „Ich bin hier auf einige psychologische Hintergründe von Gewaltdurchbrüchen wie in Stuttgart eingegangen. Natürlich spielen auch soziale und politische Faktoren eine große Rolle.“ Politische und psychologische Wirkfaktoren sollten nicht vermischt werden, warnt der Leiter der evangelischen Beratungsstelle. „Sie wirken dennoch gemeinsam und greifen ineinander. Das ist ein multifaktorielles Geschehen, das nicht auf einfache Erklärungen reduziert werden sollte“, mahnt Schuller.

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