Entgemeinschaftung betrifft alle

31. Oktober 2021

Heribert Prantl zu Gast beim Wolfsburger Reformationsempfang

Demokratie verträgt keine Ausgrenzung und ist nur in einem gut funktionierenden Sozialstaat möglich. Zu diesem Schluss kam auf dem Reformationsempfang der evangelisch-lutherischen Kirchen am 30. September 2021 in Wolfsburg Heribert Prantl, langjähriges Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung.

„In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“, diese Frage war Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Eine Gesellschaft, „in der unbegrenzte Leistungsfähigkeit zählt und sonst nichts, in der der Wert des Menschen nur am Lineal der Ökonomie gemessen wird“? Mit Menschen, die in höchstem Maße flexibel, mobil und anpassungsfähig sein müssen, könne ein demokratisches Gemeinwesen nicht existieren, die Verdichtung von Lebens- und Arbeitswelt gestattete keine Freiräume für gemeinschaftliches Engagement. „Unserer Art des Arbeitens und Wirtschaftens fehlt die soziale und fürsorgliche Dimension. Die Krise des Ehrenamtes ist das Indiz.“

Foto: Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen / F. Josuweit

Das schöne Reden von der Zivilgesellschaft als konkrete politische Utopie bleibe immer öfter hohles Gerede. Dass Menschen schlicht keine Zeit und Kraft mehr für Ehrenämter hätten, bedeute in der Summe eine fundamentale Veränderung gesellschaftlicher Strukturen in Deutschland. „Es bedeutet Entgemeinschaftung.“ Das beträfe alle gleichermaßen: Sport- und Schützenvereine, Feuerwehren und Naturschutzverbände, Kirche und Diakonie.

Kirche hält den Himmel offen

Der gelernte Jurist Prantl, der nicht nur journalistisch tätig war, sondern auch als Staatsanwalt und Richter, bekannte sich als Christ. Ein Kirchenaustritt käme für ihn nicht in Frage, allen Missbrauchs- und Vertuschungsskandalen zum Trotze. „Ich kann und will nicht aus meinem Leben austreten.“ Kirche sei ihm Heimat, sei für ihn das, was es ohne die Kirche nicht gäbe. „Es gäbe die Räume nicht, in denen Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit, Nächstenliebe und Gnade ihren Platz haben.“ Wer wie der christliche Gott wisse, was Leiden sei, bei dem sei das Leiden der Menschen gut aufgehoben. Dennoch habe er die Gemeinschaft der Gläubigen nie so wenig gespürt und erlebt wie in der Corona-Zeit. „Die Kirche kann der Ort sein, der den Himmel offenhält“ , mahnte und erinnerte Prantl.

Lebensmitteltafeln sind ein Skandal

Wo der Himmel offengehalten werden müsse, machte Prantl auch an Beispielen wie Hartz IV, Grundsicherung und dem Umgang mit Alter und Sterben deutlich. Es sei für die Demokratie höchst relevant, wie der Staat mit Menschen umgehe, die auf unterstützende Leistungen angewiesen sind. Die Anzahl der Lebensmitteltafeln habe sich seit Einführung der Hartz-IV-Gesetze vervielfacht, die Spaltungslinien der Gesellschaft verliefen nicht mehr nur zwischen arbeitenden und arbeitslosen Menschen. „Jede der 947 Tafeln in Deutschland steht für ein Loch im Sozialstaat. Es wäre ein Skandal, wenn es diese Tafeln nicht mehr gäbe. Es ist aber auch ein Skandal, dass es sie geben muss.“

Der innere Frieden ist bereits prekär

Eine Demokratie vertrage es nicht, wenn Menschen ausgegrenzt würden: Arbeitslose, sogenannte sozial Schwache, Menschen mit Behinderungen, Ausländer, Flüchtlinge, Einwanderer. „Demokratie und Sozialstaat gehören zusammen!“ Bürgerinnen und Bürger in einer Demokratie bräuchten eine leidlich gesicherte Existenz, sie müssten frei von Angst um die eigenen Lebensverhältnisse sein können. Den Abriss des Sozialstaates könne nur der verlangen, der keine Heimat brauche, der in der eigenen Villa lebe. Ohne einen sich klug weiterentwickelnden Sozialstaat werde das Gemeinwesen entzündlich wie ein Blinddarm und der innere Frieden prekär.

„Wir müssen lernen, dass die Schwachen gar nicht so schwach sind, wie man oft meint und dann ihre Stärken, die Perfektion des Imperfekten, schätzen lernen“, so Prantls Plädoyers für eine gemeinschaftliche Gestaltung von Demokratie. Denn schwach sei nicht ein Mensch, der arm ist, sondern schwach sei der Staat, der es nicht schaffe, Menschen aus der Armut zu holen.

Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis / Frauke Josuweit

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Hintergrund

Heribert Prantl war langjähriger leitender Mitarbeiter der Süddeutschen Zeitung. Der Jurist arbeitete als Staatsanwalt und Richter, bevor er SZ-Politikredakteur wurde. Prantl war viele Jahre Mitglied der SZ-Chefredaktion, Ressortchef Innenpolitik und Leiter des Meinungsressorts. 2016 erhielt der 68-jährige Katholik den Ehrendoktortitel der evangelisch-theologischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg, seit 2010 ist er Honorarprofessor der Fakultät Rechtswissenschaften der Universität Bielefeld.

Der Wolfsburger Reformationsempfang ist Tradition. Alljährlich lädt der Evangelisch-lutherische Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen dazu ein, seit 2019 gemeinsam mit der Evangelisch-lutherischen Propstei Vorsfelde. Der Reformationsempfang fand in diesem Jahr erstmalig nicht in der Wolfsburger Christuskirche, sondern in der St. Petrus-Kirche Vorsfelde statt.

Aufzeichnung des Reformationsempfanges

Wenn Sie nicht die Gelegenheit hatten, live dabei zu sein, können Sie den Reformationsempfang 2021 auf youtube sehen.

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Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit

Frauke Josuweit
An der Christuskirche 7
38840 Wolfsburg
Tel.: 0 151 151 060 70