"Mach Dich auf den Weg!"

03. Februar 2021
Foto: Rizal Deathrasher / pixabay.com
Foto: Rizal Deathrasher / pixabay.com

Kirchenkreissozialarbeit unterstützt genitalverstümmelte Frauen

Gleiche Rechte für Frauen sind auch im 21. Jahrhundert noch nicht weltweit selbstverständlich, seelische oder körperliche Unversehrtheit ebenso wenig. Beratung in Sachen weibliche Genitalverstümmelung sind häufig Thema in der Schwangerenberatung der Kirchenkreissozialarbeiterin Alexandra Fastnacht. „Es geht um die Fragen: Wie können beschnittene Frauen entbinden? Muss das Kind mit Kaiserschnitt zur Welt kommen, weil eine Spontangeburt nicht möglich, für Mutter und Kind lebensbedrohlich wäre?“ Nicht selten ist die körperliche Verstümmelung für die Frauen einer der Gründe, weshalb sie aus ihrer Heimat geflohen sind.

Je nach Herkunftsland wird eine Beschneidung mehrfach durchgeführt, bereits kleine Mädchen können diesem Ritual ausgesetzt sein. „Das erste Mal so um den vierten Geburtstag herum und zum zweiten Mal mit Beginn der Menarche.“ Und dann werden die jungen Mädchen auch vernäht, damit sie nicht ungewollt schwanger werden. Regelblutungen können nicht abfließen, oft entwickeln sich schwere Entzündungen, jahrelange Schmerzen inklusive. Was nicht bedeutet, dass diesen Frauen in Deutschland automatisch geholfen wird. „Eine Rekonstruktion nach Genitalverstümmelung gehört nicht zur medizinischen Notversorgung, selbst dann nicht, wenn massive gesundheitliche Beschwerden bestehen.“ Das ist eine Erfahrung, die auch Kirchenkreissozialarbeiterin Alexandra Fastnacht immer wieder macht.

Der Leidensweg ist oft lang

„Eine junge Klientin aus Somalia konnte nicht sitzen, sie saß immer nur auf einer Pobacke. Immer wieder hat sie angesprochen, dass sie massive Schmerzen hat, sich seit langem krank und friebrig fühlt.“ Immer wieder habe man dieser Frau gesagt, man könne ihr nicht helfen. Zuletzt schickte man sie zu einem Arzt, der lediglich Menstruationsbeschwerden bescheinigte. Der Leidensweg war lang, Alexandra Fastnacht schickt sie endlich zu einer Frauenärztin. Diagnose: langjährige geschlossene Gebärmutterentzündung. Auch das Wasserlassen war aufgrund der Vernähungen so gut wie unmöglich. „Die Ärztin war bestürzt, noch nie hatte sie eine derart misshandelte, verstümmelte und eng zugenähte Frau gesehen.“ Scham und Angst führen oft dazu, dass die Frauen nicht für sich eintreten können.

Hilfe für betroffene Frauen

Alexandra Fastnacht will diesen Frauen helfen und hat dafür Kontakt mit der Klinik Waldfriede in Berlin aufgenommen. „Das ist eine von zwei Kliniken in Deutschland, die beschnittene Frauen rekonstruierend operieren. Mithilfe eines Fördervereines, der diese Eingriffe finanziert. „Wir müssen nur die Reisekosten aufkommen, auch für ehrenamtliche Begleiterinnen, die als Unterstützung und Übersetzerin mitfahren.“ Mit einer Spende aus Shanghai ist ein Grundstein gelegt, ein dortiger VW-Mitarbeiter, der aus Wolfsburg kommt, engagiert sich für die Arbeit.

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Evangelisch-lutherischer Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen
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Stichwort „Klinik Waldfriede – Hilfe für Frauen“

Die 1999 geborene Somalierin hat Glück gehabt. Viele Jahre war sie auf der Flucht. Dass sie überhaupt fliehen konnte, verdankt sie ihrem Vater, der dafür Land verkaufte und sagte: „Mach Dich mit dem Geld auf den Weg.“ Denn eigentlich sollte das junge Mädchen nach der Beschneidung verheiratet werden, mit einem Mann, der weit über 50 Jahre alt war. Man hätte sie verheiratet, in ein fremdbestimmtes Leben ohne jede Wahlmöglichkeit. „Elf afrikanische Frauen hatte ich in vergangenen Jahren in der Schwangerenberatung – alle waren beschnitten.“

Vertrauensbildung ist die Grundlage, um helfen zu können

Mit einer rekonstruierenden Operation wenden sich die Frauen von ihrer Herkunftskultur ab – ein Schritt, bei dem Frauen viel Unterstützung brauchen. Deutschunterricht ist ein erster Schritt, die Arbeit der Kirchenkreissozialarbeiterin setzt aber noch mal anders an. Es geht ums Vertrauensbildung und Bindung. „Ganz viel geht über Essen und Kochen.“ Alexandra Fastnacht initiiert ein Rucksack-Café, einen Samowar hat sie im Gepäck und zieht damit von Flüchtlingsunterkunft zu Flüchtlingsunterkunft. „Wir haben uns über unsere Lebenswelten unterhalten: Was brauchen diese Frauen? Was wünschen sie sich? Wie stellen sie sich ihr Leben hier vor? Wie ist Deutschland überhaupt? Und wir haben zusammen gekocht.“ Zunächst das, was die Frauen aus ihrer Heimat mitbrachten. Und ein Jahr später dann deutsche Küche – von Kartoffelpuffer bis Kürbissuppe war alles dabei.

“Die hatten noch nie Lauch in der Hand. Wir hatten irre Spaß zusammen, weil sie auf dem Markt überhaupt nicht wussten, was das ist.“ Es geht bei dieser Art der Bildungsarbeit auch darum, fremden Raum zu betreten und den Mut dazu überhaupt aufzubringen. Es geht auch um Vertrauensbildung. „Nur so kann Integration überhaupt gelingen. Dass wir langsam zueinander finden und schauen, wie unsere Kultur gemeinsam von allen gelebt werden. Das ist für mich gelebte Kirche.“ Alexandra Fastnacht strahlt, wenn sie über diese Arbeit erzählt.

Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis / Frauke Josuweit

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200 Millionen Frauen weltweit betroffen

Der 6. Februar ist der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung. Aktuellen Angaben von UNICEF zufolge sind weltweit mehr als 200 Millionen Frauen von dieser Menschenrechtsverletzung betroffen. Experten vermuten, dass die tatsächliche Zahl doppelt so hoch sein dürfte. Umfassende Studien dazu gibt es bisher nur für Subsahararaum, Ägypten und Irak. Aber auch im Nahen Osten, in Südostasien und in Südamerika sind davon Frauen und Mädchen betroffen.

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