Gegen Gewalt an Frauen

Nachricht 04. Dezember 2025
Grafik: KK Wolfsburg-Wittingen

Flüchtlingssozialarbeit und Wolfsburger Gleichstellungsreferat kooperieren

Alle 12 Minuten stirbt weltweit eine Frau oder ein Mädchen an den Folgen von Genitalverstümmelung. Wer diese Gewalttat überlebt, hat in der Regel lebenslange gesundheitliche Probleme. „Was hat das mit Wolfsburg zu tun, das hören wir häufig“, weiß Susanne Deimel, Leiterin des Gleichstellungsreferates der Stadt Wolfsburg. Gemeinsam mit Alexandra Fastnacht, Flüchtlingssozialarbeiterin im Kirchenkreis, hatte sie im Rahmen der ‚Orange Days‘ zu den Wohnzimmergesprächen ins Alvar-Aalto-Bildungshaus eingeladen hatte. Mehr als tausend Frauen und Mädchen sind allein im Raum Wolfsburg von Genitalverstümmelung betroffen oder bedroht, deutschlandweit sind es 70tausend Betroffene und 32tausend gefährdete Mädchen. 

„Frauen wird mit der genitalen Verstümmelung eine untergeordnete Stellung zugewiesen, sie werden damit daran erinnert, dass sie nicht das Recht haben, über ihren eigenen Körper zu bestimmen“, sagt Sozialfachwirtin Alexandra Fastnacht, die seit vielen Jahren mit geflüchteten Frauen arbeitet. Oftmals würden Mädchen beschnitten, die deutlich jünger als 14 Jahre seien, Mehrfachbeschneidungen seien eher die Regel als die Ausnahme. „Tradition, Religion, sexuelle Kontrolle, soziale Zugehörigkeit, Rollenerwartungen, Höhe des Brautgeldes – viele Gründe werden angeführt zur Rechtfertigung dieser Gewalttat.“ 

Aufklärung tut not
Ein schwieriges Thema ist es, dessen sich die beiden Wolfsburger Sozialarbeiterinnen da annehmen. „Wir haben heute Interessierte eingeladen, weil wir verstehen wollen, ohne sofort reflexhaft in eine moralische Debatte zu verfallen“, so Deimel, die den Abend im Aalto-Haus moderierte. „Wir erleben hoch gebildete Frauen, die nicht wissen, wie sie ihre Kinder entbinden sollen“, berichtet Melek Gültepe, Gynäkologin in Braunschweig. Natürliche Geburten seien oft aufgrund der körperlichen Verstümmelung nicht möglich, Blutungs- und Infektionsgefahr erheblich höher, Retraumatisierungen wahrscheinlich, die Kindersterblichkeit massiv erhöht. 

„Das macht mein Herz kaputt“, sagt eine aus Syrien stammende Kurdin. Die Enddreißigerin ist in Wolfsburg als Stadtteilmutter tätig. „Das soll es auch in Syrien geben oder gegeben haben. Das mag ich mir kaum vorstellen.“ 

Foto: KK Wolfsburg-Wittingen
Alexandra Fastnacht, Flüchtlingssozialarbeiterin des Kirchenkreises, und Susanne Deimel, Wolfsburger Gleichstellungsbeauftragte

Was habe ich damit zu tun?
„Aufklärung tut not! Nur kann man ein jahrtausendealtes Ritual nicht von heute auf morgen aus den Köpfen kriegen“, sagt Frauenärztin Gültepe. „Beschneidung ist oft mit dem Gefühl verbunden, etwas Besonderes zu sein.“ Auch sei es für manche Frau nach jahrelanger Flucht mit vielfachen Traumatisierungen nicht das vorrangige Thema. So liefen die Töchter Gefahr, demselben Schicksal ausgesetzt zu sein, auch wenn in Deutschland Beschneidung oder die Mithilfe dazu eine Straftat ist, auf die Freiheitstrafen steht.

„Was habe ich damit zu tun?“ hört Gültepe von ärztlichen Kollegen und Kolleginnen. Genitalverstümmelung ist erst seit wenigen Jahren Bestandteil der ärztlichen Ausbildung in Deutschland, in diesem Bereich zu arbeiten, sei anstrengend und kaum lukrativ. „Es geschieht aber nicht nur am anderen Ende der Welt, es ist mindestens seit 2015 durch die Migrationsentwicklung auch in Deutschland ein großes Thema“, erlebt die Braunschweiger Medizinerin in ihrem Arbeitsalltag.

„In Länder wie Ägypten, Somalia, Mali oder Eritrea sind mehr acht von zehn Frauen beschnitten. Wir haben diese Klientinnen hier und die bekommen Töchter. Wir müssen diesem Thema begegnen, wir müssen die Frauen und die Mädchen unterstützen“, sagt die Wolfsburger Gleichstellungsbeauftragte Susanne Deimel. 

Nur unbeschnittene Frauen haben Schutzstatus
In Deutschland ist die Female Genital Mutilation (FGM), die Genitalverstümmelung, aufgrund der Istanbul-Konvention seit 2018 eine Straftat gegen die körperliche Unversehrtheit. Ein Asylgrund also? „Es kommt darauf an“, sagt Claire Deery, Fachanwältin für Asylrecht. Komme eine Frau aus einem Land, wo die FGM-Prävalenz hoch ist, unverletzt hier an, genieße sie Schutzstatus. Das gelte ebenso für hier geborene Mädchen, deren Familien aus gefährdeten Ländern stammen. Beschnittene Frauen hingegen, die es nach Deutschland geschafft haben, müssen oft jahrelang um ihre Anerkennung kämpfen.

„In diesem Jahr wurden 82 Prozent abgelehnt, in den Jahren zuvor hatten wir Anerkennungsquoten von 48 Prozent.“ Ein Nachzug zurückgelassener Töchter ist nur für Frauen, deren Asylantrag anerkannt wurde, möglich. Ein Abschiebeverbot reicht nicht, jahrelange Asylverfahren machen es unmöglich, die eigenen Töchter nach Deutschland zu holen und vor der Gefahr der Beschneidung zu schützen. 

Politischer Wille fehlt
Aber auch hier in Deutschland sind die Mädchen oft nicht sicher, Kitas, Schulen, Ärzt:innen, Erzieher:innen, Sozialarbeiter:innen – sie alle müssten gemeinsam agieren, um gefährdete Mädchen zu schützen. Geschlechterthemen, und dazu gehört die körperliche Unversehrtheit von Frauen, gerieten gerade sehr ins Rutschen, erleben übereinstimmend alle Fachfrauen, die im Alvar-Aalto-Kulturhaus zusammenkamen. Istanbul-Konvention und EU-Gewaltschutzrichtlinie reichen nicht, meint die Juristin Laura Huge-Bärthel.

„Es gibt sehr große Defizite in der Umsetzung von Gewaltprävention und Schutz vor Gewalt, weil fast alle Bundesländer mit Projektförderungen arbeiten.“ Nicht gut planbar, finanziell lückenhaft und unsicher sei das. „Es fehlt der politische Wille zur Umsetzung. Und der wird sich nicht automatisch ändern, wenn ab 2027 die EU-Gewaltschutzrichtlinie in Deutschland umgesetzt werden muss.“

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UN-Kampagne

’Orange Days‘ ist eine Kampagne der Vereinten Nationen, die sich gegen Gewalt an Frauen und Mädchen richtet. Weltweit finden jedes Jahr zahlreiche Aktionen statt, um auf die alltägliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie sexualisierte Gewalt und Femizide aufmerksam zu machen.

Flüchtlingshilfe Alexandra Fastnacht
Samlandweg 17
38440 Wolfsburg
Tel.: 05361 8938007 oder 0175-6507226
Fax: 05361 8938009
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