„Menschen brauchen Ansprechpartner“

Nachricht 19. Juni 2026

Wittinger Sozialarbeiterin Marja Kuhl im Gespräch

Deutschlands Politiker:innen wollen Sozialleistungen kürzen, der Ruf nach weniger Staat ist allerorten vernehmbar. Weshalb Unterstützung für Menschen in besonderen Lebenslagen aber gerade jetzt wichtig ist und bleibt, erzählt Marja Kuhl, Sozialarbeiterin des Kirchenkreis im Raum Wittingen. 
 

Frau Kuhl, sechs Monate Kirchenkreissozialarbeit in der Region Wittingen – was brauchen die Menschen hier von uns?

MARJA KUHL   Sie brauchen Ansprechpartnern vor Ort, mit denen sie erstmal ihre Probleme sortieren können. Sie brauchen jemanden, der ihnen Zugang verschafft zu Leistungen, zu anderen Behörden, zu weiterführenden Ansprechpartnern.  Ich bin hier die erste Anlaufstelle und die Bandbreite der Themen, die Menschen zur mir bringen, ist riesengroß. Mal geht es darum, an andere Stellen zu verweisen, wie beispielsweise an die Diakoniestation, um Pflegegeld zu beantragen.

Mir begegnet viel Einsamkeit. Menschen kommen aber auch mit Antragsformularen, die sie nicht verstehen, wenn der Wohnraum bedroht ist, mit Suchtproblematiken oder mit Geldnöten. Es kommt schon auch vor, dass jemand mal ein paar Tage nichts mehr zu essen hatte.

Und dann...? 

MARJA KUHL   Ist ein Mensch wirklich in Not, haben wir beispielsweise die Möglichkeit, mit Gutscheinkarten von Aldi oder Lidl zu helfen, so dass niemand stigmatisiert wird, der oder die damit einkaufen geht. Menschen, die sehr arm sind, sind überproportional oft alleinstehend. Altersarmut spielt auch viel mit rein.

Unser Einzugsgebiet ist ziemlich groß und geht teilweise bis nach Brome, Ehra oder auch Sassenburg. Das Wittinger Stadtgebiet hatte massiven Zuzug, weil hier Wohnraum und Lebenshaltungskosten günstig sind. Nur gibt es hier oben kaum Unterstützungsangebote für Menschen mit Beratungsbedarf. 

Mir ist wichtig zu zeigen: Das ist Kirche, was wir hier machen. Ich hatte in einer Gruppe mal Tischgebete angeregt. Drei Tage später war das dann Thema im Wartezimmer einer Arztpraxis.
Sozialarbeiterin Marja Kuhl

Was brennt Ihnen denn in der Arbeit besonders unter den Nägeln?

MARJA KUHL   Inklusion! Und das hat nicht zwingend nur mit einem attestierten Grad an Behinderung zu tun. Wir verlieren durch Digitalisierung und Technisierung so viele Menschen. Wir hängen viele ab, die zu all dem gar nicht in der Lage sind. Auch, aber nicht nur aus finanziellen Gründen. Handy und Computer kosten viel Geld, aber man muss auch damit umgehen können.

Das zieht sich durch alle Bereiche: Bei der Bank, bei der Krankenkasse, bei der Kommunikation im Kindergartenbereich. Eine Kita-App ist schön und gut, aber zu mir kommen diejenigen, die mit einer App nicht zurechtkommen. Wir haben ein digitales Exklusionsthema.

Angebote Ihrer Vorgänger:innen, wie das Begegnungsfrühstück und das Trauercafé, führen Sie fort. Wo setzen Sie eigene Akzente und welches Projekt würden Sie gern anschieben?

MARJA KUHL   Ich gehe gern dorthin, wo eh schon etwas stattfindet, denn mit vereinten Kräften schafft man einfach mehr. Zum Weltkindertag machen wir beispielsweise gemeinsame Angebote mit der Jugendförderung der Stadt Wittingen und Wittinger Vereinen. Ich hätte wirklich Lust darauf, ein Tanzcafé anzubieten. An einsamen Sonntagen, ganz klassisch mit Tanzmusik und Kaffee und Kuchen.

Unsere diakonische Arbeit hat immer noch ein gutes Standing.  
Sozialarbeiterin Marja Kuhl

Marja Kuhl
Junkerstraße 22
29378 Wittingen
Tel.: 05831 8453
Mobil: 0170 9372360

Kirchenkreissozialarbeit Nord, Dienststelle Wittingen