41 Jahre war und ist Helmut Kramer Pastor. Der im rumänischen Transsylvanien als Siebenbürger Sachse aufgewachsene Theologe übersiedelte mit Frau und Kindern 1992 nach Deutschland. 33 Jahre war er Pastor in Ehra und Tülau, nun geht er in den Ruhestand.
In Rostock-Lichtenhagen brennen die Asylbewerberheime, als Marianne, Helmut, Birgit und Bernd Kramer im August 1992 in Nürnberg ankommen. „Die Art und Weise, wie damit umgegangen wurde, hat mich erschreckt“, erinnert sich der heute 66jährige Theologe. Die deutschen Behörden hätten einfach nur zugesehen.
Wie mag sich das anfühlen für einen, der gerade seine Heimat hinter sich gelassen hat, um in Deutschland neu anzufangen? Der aus einem Land kommt, in dem Minderheiten wie evangelische Christinnen und Christen über Jahrzehnte vom Geheimdienst überwacht und auch schikaniert wurden. Als sogenannte Aussiedler kamen in den 1990er Jahre insbesondere Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Südosteuropa. Bereits seit den 1970er Jahren verließen viele Siebenbürger Sachsen und Landler Rumänien, nach dem Sturz Ceausescus kehrten dann die allermeisten der verbliebenen Deutschen ihrer Heimat den Rücken.
„Die hätten mich niedergeschossen“
Rumäniens blutige Revolution 1989 geht auch an Helmut Kramer nicht spurlos vorüber. Keine drei Tage dauern Flucht vor den Protesten, Gefangennahme, Verurteilung und Hinrichtung am 1. Weihnachtstag von Nicolae Ceausescu und seiner Frau. Auf dem Weg zu einem der Heilig-Abend-Gottesdienste kurz vor Marienburg: ein Sandhügel auf der Straße, darauf zwei Maschinengewehre der Bürgerwehren. „Die hätten mich niedergeschossen, wäre ich weitergefahren.“ Bereits ein paar Kilometer zuvor passierte dasselbe. „Mein Wagen wurde auseinandergenommen. Die wollten sichergehen, dass ich keine Waffen habe.“ Kramers Glück: er wurde erkannt. „Das ist doch der Pope der Sachsen“, wusste eine der Wachen.
1743 verwies Kaiserin Theresia, Regentin des Habsburger Reiches, Menschen des Landes, die an ihrem lutherischen Glauben festhalten wollten. „Die sind dann durch halb Europa getingelt und irgendwann in Siebenbürgen angekommen.“ Die vertriebenen evangelischen Landler, darunter Kramers Vorfahren, siedelten vor allem in der Nähe von Hermannstadt an, wo etwa 240 Jahre später Helmut Kramer Evangelische Theologie studierte.
„Ich wusste, wer mich ausspäht“
Hatte der rumänische Staat die Ungarn und die Deutschen in den 1960er Jahren noch tolerant behandelt und durfte Helmut Kramer deutsche Schulen besuchen, so wurden in den 1970er die Daumenschrauben angezogen. Ab Mitte der 1980er Jahre erlebt er die Schikanen hautnah. „Ich musste jedes Jahr zur Polizei, ein Typenbild von meiner Schreibmaschine machen lassen.“ Falls er damit Flugblätter machen wollte, hätte man ihn schnellstens überführen können. „Man wurde beobachtet, viele wurden auch richtig gepiesackt. Ich wusste genau, wer am Sonntag unter meiner Kanzel sitzt und mich ausspäht.“
Noch heute, dreieinhalb Jahrzehnte später, sagt er: „Ich habe mich schwergetan mit dem Weggehen.“ Er ist auch nie wieder in seiner ursprünglichen Heimat gewesen. Die Entscheidung, zu gehen, hatten Marianne und Helmut Kramer für die Zukunft ihrer beiden, damals noch nicht schulpflichtigen Kinder getroffen. Die evangelischen Gemeinden bluteten nach 1989 aus, Marianne und Helmut waren die einzigen ihrer Familien, die noch nicht gegangen waren. Denn Helmut Kramer fühlte sich verantwortlich für seine Gemeinde und seine Kirche.