Den Menschen Mut machen

Nachricht 23. Juni 2026
Foto: KK-Öffentlichkeitsarbeit / F. Josuweit
Helmut Kramer, angehender Pastor im Ruhestand mit Enkel Sammy, Zauberkünstler und angehender Feuerwehrmann

41 Jahre war und ist Helmut Kramer Pastor. Der im rumänischen Transsylvanien als Siebenbürger Sachse aufgewachsene Theologe übersiedelte mit Frau und Kindern 1992 nach Deutschland. 33 Jahre war er Pastor in Ehra und Tülau, nun geht er in den Ruhestand.

In Rostock-Lichtenhagen brennen die Asylbewerberheime, als Marianne, Helmut, Birgit und Bernd Kramer im August 1992 in Nürnberg ankommen. „Die Art und Weise, wie damit umgegangen wurde, hat mich erschreckt“, erinnert sich der heute 66jährige Theologe. Die deutschen Behörden hätten einfach nur zugesehen.

Wie mag sich das anfühlen für einen, der gerade seine Heimat hinter sich gelassen hat, um in Deutschland neu anzufangen? Der aus einem Land kommt, in dem Minderheiten wie evangelische Christinnen und Christen über Jahrzehnte vom Geheimdienst überwacht und auch schikaniert wurden. Als sogenannte Aussiedler kamen in den 1990er Jahre insbesondere Deutschstämmige aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Südosteuropa. Bereits seit den 1970er Jahren verließen viele Siebenbürger Sachsen und Landler Rumänien, nach dem Sturz Ceausescus kehrten dann die allermeisten der verbliebenen Deutschen ihrer Heimat den Rücken. 

„Die hätten mich niedergeschossen“

Rumäniens blutige Revolution 1989 geht auch an Helmut Kramer nicht spurlos vorüber. Keine drei Tage dauern Flucht vor den Protesten, Gefangennahme, Verurteilung und Hinrichtung am 1. Weihnachtstag von Nicolae Ceausescu und seiner Frau. Auf dem Weg zu einem der Heilig-Abend-Gottesdienste kurz vor Marienburg: ein Sandhügel auf der Straße, darauf zwei Maschinengewehre der Bürgerwehren. „Die hätten mich niedergeschossen, wäre ich weitergefahren.“ Bereits ein paar Kilometer zuvor passierte dasselbe. „Mein Wagen wurde auseinandergenommen. Die wollten sichergehen, dass ich keine Waffen habe.“ Kramers Glück: er wurde erkannt. „Das ist doch der Pope der Sachsen“, wusste eine der Wachen. 

1743 verwies Kaiserin Theresia, Regentin des Habsburger Reiches, Menschen des Landes, die an ihrem lutherischen Glauben festhalten wollten. „Die sind dann durch halb Europa getingelt und irgendwann in Siebenbürgen angekommen.“ Die vertriebenen evangelischen Landler, darunter Kramers Vorfahren, siedelten vor allem in der Nähe von Hermannstadt an, wo etwa 240 Jahre später Helmut Kramer Evangelische Theologie studierte. 

„Ich wusste, wer mich ausspäht“

Hatte der rumänische Staat die Ungarn und die Deutschen in den 1960er Jahren noch tolerant behandelt und durfte Helmut Kramer deutsche Schulen besuchen, so wurden in den 1970er die Daumenschrauben angezogen. Ab Mitte der 1980er Jahre erlebt er die Schikanen hautnah. „Ich musste jedes Jahr zur Polizei, ein Typenbild von meiner Schreibmaschine machen lassen.“ Falls er damit Flugblätter machen wollte, hätte man ihn schnellstens überführen können. „Man wurde beobachtet, viele wurden auch richtig gepiesackt. Ich wusste genau, wer am Sonntag unter meiner Kanzel sitzt und mich ausspäht.“

Noch heute, dreieinhalb Jahrzehnte später, sagt er: „Ich habe mich schwergetan mit dem Weggehen.“ Er ist auch nie wieder in seiner ursprünglichen Heimat gewesen. Die Entscheidung, zu gehen, hatten Marianne und Helmut Kramer für die Zukunft ihrer beiden, damals noch nicht schulpflichtigen Kinder getroffen. Die evangelischen Gemeinden bluteten nach 1989 aus, Marianne und Helmut waren die einzigen ihrer Familien, die noch nicht gegangen waren. Denn Helmut Kramer fühlte sich verantwortlich für seine Gemeinde und seine Kirche. 

„Fahren Sie wieder nach Hause“

In Nürnberg angekommen hospitierte er in einer dortigen Kirchengemeinde, absolvierte als Pfarrer mit bereits mehrjähriger Berufserfahrung nach längerer Wartezeit das umfängliche Prüfungs- und Aufnahmeverfahren der EKD, landet in der hannoverschen Landeskirche. „Fahren Sie wieder nach Hause, wir melden uns dann“, hieß es. Nach Hause?! Kramers lebten zu dem Zeitpunkt in Nürnberg, wo Marianne Kramer als erfahrene Grundschullehrerin die Berufsanerkennung hätte bekommen können, aber die Landeskirche Bayern niemanden aufnahm. In Niedersachsen erkannte man Marianne Kramers Berufsqualifikation nicht an, lediglich für den Erwerb des Berufs der Erzieherin ein Jahr als Sozialassistentin.

„Es gab damals für die sogenannten Aussiedler ein Jahr Überbrückungsgeld, eine Anstellung habe ich aber erst nach 15 Monaten bekommen.“ Eine andere Arbeit wollte das Arbeitsamt erst vermitteln, wenn das kirchliche Verfahren keine Anstellung ermöglicht hätte. „Ich habe gemerkt und miterlebt, wie das ist, auf Sozialhilfe angewiesen zu sein.“ 

„Ich hatte niemanden die Stelle geklaut“

In Ehra geht der Pastor in den Ruhestand, die Pfarrstelle war wiederholt ausgeschrieben worden, beworben hatte sich niemand. Dort schickte die Landeskirche Helmut Kramer hin und zwar als Probedienstler. „Ich war zumindest sicher, dass ich keinem anderen die Stelle geklaut hatte.“ Er kann gleich voll loslegen, denn die Ehraner bauen ein neues Gemeindehaus.

41 Jahre versieht der in Siebenbürgen geborene Theologe seinen Dienst als Pastor, davon 33 Jahre in Ehra und 27 Jahre zusätzlich in Tülau. Als im Jahr 1999 der dortige Pastor in den Ruhestand geht, betreut Kramer auf einen Schlag die doppelte Zahl an Gemeindegliedern. Im Jahr 2003 werden die Kirchengemeinden Brome-Tülau und Ehra pfarramtlich verbunden. Mehrere Vakanzvertretungen kommen im Laufe der Jahrzehnte im Kirchenkreis Wittingen und nach der Fusion dann in Wolfsburg-Wittingen hinzu.

In unruhigen Zeiten ist Helmut Kramer stellvertretender Superintendent und führt den Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen durch eine Vakanzzeit in der Superintendentur. Ruhig und unaufgeregt, verlässlich, zugewandt, hoch verantwortungsbewusst, wie sich Kolleg:innen dankbar erinnern.

„Wir laufen Gefahr, alles zu verspielen“

Wenn nun bald Zeit sein darf für Interessen, die neben dem Pastorenberuf wenig Zeit gefunden haben, so ist Helmut Kramer immer noch nah an den Menschen. „Ich nehme wahr, dass es große Sorgen gibt.“ Ganz viele seien verärgert über die Art und Weise, wie jetzt Politik gemacht werde. „Wo sind unsere Visionen, wie gute Lebensgrundlagen für alle möglich werden können, geblieben? Ich meine nicht den Megawohlstand, sondern: Freiheit. Gerechtigkeit. Entwicklungsmöglichkeiten.“ Eine Warnung von einem, der in seinem Leben verschiedene Staatssysteme erlebt hat. „Wir laufen Gefahr, alles zu verspielen. Nicht nur unseren Wohlstand, sondern die Existenz unserer Welt. Uns läuft die Zeit davon!

"Ich werde die Kolleginnen und Kollegen vermissen!"

Helmut Kramer engagiert sich Zeit seines Berufslebens für eine bessere Welt. „Ich versuche, den Menschen irgendwie Mut zu machen, wenn wir ins Gespräch kommen.“ Im eigenen Garten, der auch künftig in Ehra sein wird, träumt er davon, seinen eigenen ökologischen Fußabdruck zu verändern. „Ich würde gern ein Heliostat bauen. Das ist etwas Spinnerei, aber rein theoretisch ist es möglich, so etwas zu bauen und damit die Solarenergie-Gewinnung zu optimieren.“ Noch sind es eher gemischte Gefühle, mit denen Helmut Kramer auf den kommenden Lebensabschnitt blickt. „Ich werde die Kolleginnen und Kollegen aus der Kirchenkreiskonferenz vermissen.“ Zwei quicklebendige Enkelkinder, eine klassische Gitarre, das früher viel genutzte Fahrrad und sicher auch gelegentliche Vertretungsanfragen der Kolleg:innen oder auch Gastdienste werden den angehenden Pastor in Ruhestand sicher ausfüllen. „Wenn ich um Hilfe gefragt werde, bin ich gerne bereit.“

KK-Öffentlichkeitsarbeit / F. Josuweit

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Verabschiedung

Mit einem Festgottesdienst am Sonntag, 28. Juni 2026, um 15:00 Uhr in der St.-Michaelis-Kirche Ehra wird Helmut Kramer in den Ruhestand verabschiedet. Anschließend lädt die Gemeinde zum persönlichen Abschied ein, für das leibliche Wohl ist gesorgt.

Kulturhochburg Siebenbürgen

Mitten im Zentrum Rumäniens findet sich Siebenbürgen, auch Transsylvanien benannt. Viele Herrscher regierten das Land, unter ihnen die Römer und das Königreich Ungarns. Deutsche Kolonisten kamen ab dem 10. Jahrhundert, sie sollten die ungarischen Grenzen sichern. Sie gründeten Städte wie Kronstadt und Hermannstadt, heute Sibiu, 2007 Kulturhauptstadt Europas. Heute gehört Siebenbürgen zu den kulturell reichsten Regionen Europas mit einer lebendigen Kulturszene.

Politisch ist Rumänien, EU- und Nato-Staat, instabil – aufsteigende rechtspopulistische Kräfte und jüngst eine gestürzte pro-westliche Regierung prägen das südosteuropäische Land gesellschaftlich, sozial und wirtschaftlich.

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