Diakonie: Regionalbischöfin im Gespräch mit Pflegeexpert:innen
Wenn Leben beschwerlich wird und keine Hoffnung mehr gegeben scheint, denken Menschen immer öfter über assistierten Suizid nach. „Wir müssen damit rechnen, auch in unseren Einrichtungen mit diesem Anliegen konfrontiert zu werden“, eröffnete Pastor Dr. Frank Kleinschmidt, Altenheimseelsorger in Wolfsburg, eine Gesprächsrunde mit Regionalbischöfin Marianne Gorka. Eingeladen dazu hatte die Diakonie Wolfsburg ihre Einrichtungsleiterinnen und Vertreter:innen des Kirchenkreises Wolfsburg-Wittinge im Rahmen der Kirchenkreis-Visitation durch die Regionalbischöfin. Mögliche Anfragen zu assistiertem Suizid seien auch für die Mitarbeitenden eine schwierige Situation, machte Jenny Herrmann, Leitung des Emmaus-Heims und des PflegeWohnens in der Senioren-Residenz Hasselbachtal deutlich. „Wir sind Experten auf dem Gebieten der vorgeschalteten Möglichkeiten, keine Sterbehelferinnen.“
"Bei uns bist Du Mensch bis zum Schluss"
„Der Schutz des Lebens hat für uns als Christinnen und Christen Vorrang“, ermutigte Marianne Gorka die zum Austausch eingeladenen leitenden Mitarbeitenden. Sie besuchte im Rahmen der Visitation des Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen die Diakonie Wolfsburg. „Ihr Ziel als Leitung wird ein anderes sein: Bei uns bist Du Mensch bis zum Schluss und dafür tun wir alles. Und gleichwohl gilt das Selbstbestimmungsrecht des Menschen.“
Befürchtungen, der gesellschaftliche Druck könne bei immer weniger Geld in Kranken- und Sozialkassen wachsen, äußerte Christian Berndt. „Wir müssen etwas tun, damit sich diese Entwicklung nicht verschärft“, drängte der Superintendent. Auch die ethische Bewertung insbesondere in Bezug auf dementiell erkrankte Menschen sei zu thematisieren, betonte der Superintendent. „Kann ich das für den Fall einer potenziellen Demenz überhaupt für mich vorab festlegen?“ Diese Frage durch Angehörige beantworten zu lassen, sei grenzwertig. „Ich dürfte nicht mal bei meinem Mann ein Bettgitter anordnen lassen“, gab Nadine Mannecke, Leiterin des Seniorenzentrum St. Elisabeth, zu bedenken.
"Bei uns ist ein sicherer Platz"
„Gehen Sie offensiv damit um, dass wir in unseren Einrichtungen nach Kräften bis zum Lebensende alles tun. Bei uns ist ein sicherer Platz. Menschen, die bei uns in der Pflege arbeiten und um Mithilfe bei einem Suizid gebeten werden, müssen jederzeit sagen dürfen: Ich möchte das nicht, ich bin da raus!“, bestärkte Marianne Gorka die Diakonie-Mitarbeitenden.
Keinesfalls dürften Fragen danach, wann und wie lange Leben lebenswert sei, wieder Raum gewinnen. „Wir müssen klarstellen: Dahin wollen wir nie wieder zurückkommen!“ Kirche und Diakonie müssten Alternativen aufzeigen und den Menschen Angst und Verzweiflung nehmen. „Unsere Stimme als Kirche ist gefragt, dazu müssen wir uns öffentlich positionieren“, sagte Christian Berndt als Kuratoriumsmitglied des Diakonischen Werkes Wolfsburg gemeinnützige GmbH.
"Wir können uns menschenwürdige Pflege leisten"
Ralf-Werner-Günther, Geschäftsführer der Diakonie Wolfsburg, Theologe und Betriebswirt, stellte klar, dass dies keine wirtschaftliche Frage sein dürfe und auch gar nicht sei. „Man kann Einrichtungen wie unsere auskömmlich führen, wenn auch nicht mit großen Gewinnmargen. Natürlich können wir uns menschenwürdige Pflege leisten!“ Was jedoch zunehmend Probleme bereite, sei der Pflegenotstand.
Vielfalt gehört zu Kirche und Diakonie
In den diakonischen Einrichtungen in Wolfsburg habe zurzeit jede dritte Pflegekraft einen Migrationshintergrund, bei den Auszubildenden im Pflegebereich seien es fast 90 Prozent. Man sehe diese Zahlen als Geschichte der Vielfalt, die auch erzähle, wie sehr insbesondere soziale Arbeit auf Menschen mit vielfältigen Biografien, kulturellen Prägungen und Nationalitäten angewiesen sei. „Wir feiern in unseren Einrichtungen Zuckerfest, um auch Bewohnerinnen und Bewohner mit anderen Kulturen vertraut zu machen.“
Dennoch erlebten Mitarbeitende immer wieder Situationen von Alltagsrassismus. Man müsse deutlicher Position beziehen, warum die Frage nach Vielfalt zum innersten Wesenskern eines christlichen Unternehmens gehöre, so der Tenor der Einrichtungsleitungen. „Ich kann das nur unterstützen“, bestärkte Regionalbischöfin Gorka die Mitarbeitenden. Man verfolge zurzeit arbeitsrechtliche Prozesse von Mitarbeitenden mit AfD-Hintergrund in kirchlichen und diakonischen Bereichen sehr genau.
„Wir müssen da klare Grenzen ziehen! Die ideologischen Grundlagen der AfD und christlicher Glaube sind nicht miteinander vereinbar.“ Die Landeskirche Hannovers und die Konförderation evangelischer Kirchen in Norddeutschland habe sich dazu bereits positioniert, unter anderem hätten sich die Kirchenleitungen für ein AfD-Verbotsverfahren ausgesprochen.
KK-Öffentlichkeitsarbeit