Orte, wo Menschen gern sind

Nachricht 21. Oktober 2026
Foto: KK Wob-Wi / CBerndt

FamilienOrientierte Kirche: Projekt-Workshop stellt Erfolgsprojekte vor

Atefeh lebt seit zwei Jahren in Deutschland, heute unterrichtet sie selbst Deutsch. „Wer aus eigener Kraft Deutsch gelernt hat, kann es anderen viel besser vermitteln als eine Muttersprachlerin“, sagt Eva Grote-Girmendonk, Mitarbeiterin der Evangelischen Familienbildungsstätte Wolfsburg (Fabi) und dort Koordinatorin für Menschen mit Flucht- und Migrationsbiografien. Atefeh kommt aus dem Iran, dort war sie Ingenieurin. „Ich konnte nicht mal zwei Sätze Deutsch, als ich hier ankam.“

Dass sie nach weniger als zwei Jahren selbst Deutsch unterrichtet, liegt vor allem am Konzept des Begegnungsraumes, einem Kooperationsprojekt von Fabi und der Lukaskirchengemeinde Wolfsburg. Fünf Jahre ist dieses Projekt jung, Kristallisationspunkt war und ist die internationale Frauengruppe. Erwachsen sind daraus bisher Nähwerkstätten, Bewegungsangebote, niedrigschwellige Sprach-Lern-Angebote, das wöchentliche Begegnungscafé, die FamilienOase mit Ruheraum, Spielraum und Outdoorraum und dann noch das Ackerprojekt.

Menschen empowern

„Wir leben hier auf dem Kirchencampus der Kreuzkirche eine Open-House-Atmosphäre“, erzählt Fabi-Fachberaterin Martha Pordzik, die mit Eva Grote-Girmendonk die Angebote initiiert und entwickelt hat. „Wir leben hier Gemeinschaft, Zusammenarbeit, Vernetzung, Sinnhaftigkeit, Wertschätzung. Und wir empowern Menschen, ihre Gaben weiterzuentwickeln und dann eigene Kurse anzubieten.“ Wie Atefeh, die Deutschlehrerin aus dem Iran. Wie Siva aus Indien, die Sumba-Tanzgruppen ins Leben gerufen hat, oder Stefanie Bock, die Phantasie und Kreativität wecken möchte mit ihren Kunstprojekten.

Gute Beziehungsarbeit lässt Menschen wiederkommen

„Ich bin beeindruckt, was hier entstanden ist und dass das auch funktioniert. Vor einem Jahr wusste ich noch nicht, worauf ich mich damit einlasse“, erinnert sich Therese Zimkowsky, Vorsitzende der Lukaskirchengemeinde. Gelingfaktoren sind neben einem hochengagierten Team Netzwerke, Multiplikator:innen wie beispielsweise Stadtteilmütter und auch Mund-zu-Mund-Propaganda. „80 Prozent unserer Arbeit ist Beziehungsarbeit. Das lässt Menschen wiederkommen, manchmal auch erst nach Jahren“, erleben Pordzik und Grote-Girmendonk.

Zu den Gelingfaktoren gehörten auch das Engagement und die Kompetenzen all derer, die sich einbrächten, und die Kooperationspartner:innen im Sozialraum, wie die benachbarte evangelische Kita oder auch die Neulandstiftung Wolfsburg. „15 Angebote gibt es zurzeit und es wächst weiter. Weil Menschen mit ihren Ideen und Angeboten zu uns kommen.“ Begrenzungen gäbe es jedoch durch Zeitkapazitäten und Projektzeiträume. „Wir müssen immer wieder gucken: Wo können wir Projektgelder beantragen.“ Auch das kostet Zeit.

ZusammenWachsen

Zeit teilen, Familie leben,  miteinander gestalten - das neue EKD-Bildungsangebot für Familien hat seine zweijährige Pilotphase geschlossen. „Ab 2027 sind die religionspädagogischen Materialien EKD-weit verfügbar“, lädt Projektleiterin Dr. Olga Lorgeoux Interessierte aus Kirchengemeinden, Kitas und Familienzentren und Familienbildungsstätten ein, das Angebot zu nutzen. Entwickelt wurde es für Familien mit Kindern im Alter von 3-6 Jahren. Drei Ziele verfolge ZusammenWachsen: Beziehung und Teilhabe im Sozialraum ermöglichen und stärken, Begegnungsräume schaffen und familienorientierte religiöse Bildung unterstützen. 

Erste Praxiserfahrungen brachte Kita-Leiterin Julia Bartels aus Vorsfelde mit. „Ein tolles Projekt! Und natürlich haben wir auch über Gott gesprochen. Jetzt gehen alle gemeinsam zur Kinderkirche.“ Man könne alles mit Alltagsmaterialien gestalten und viel eigenes entwickeln, sie wolle das Projekt im kommenden Jahr ausweiten.  

...mehr erfahren über 'ZusammenWachsen'

Wo sich Jung und Alt selbstverständlich begegnen

Kirchlich-sozialraumorientierte Arbeit lässt aber auch in nicht-kirchlichen Räumen wunderbar gestalten. In Wolfenbüttel im Quartierszentrum 15,7 ist der Ankerpunkt leckeres Essen im Café Brot & Leben. „Wir hatten mit jugendlichem Überschwang die ehemalige Schlecker-Filiale gekauft als Jugendzentrum. Dann kam Corona und alles lag auf Eis“, weiß Björn Bamberg. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen war er vom Kirchenkreis zum Workshop Nummer drei für das Pilotprojekt FamilienOrientierte Kirche als Referent eingeladen worden. Was sich damals abzeichnete: Es werden mehr Kita-Plätze gebraucht. Und so wurde aus der Schlecker-Filiale je hälftig eine Kita und das 15,7. Montags bis donnerstags ist von 11 bis 17 Uhr verlässlich geöffnet, es gibt verschiedene Mittagsgerichte, Kaffee und Kuchen und alles zu sozialverträglichen Preisen.

Den Menschen Schwellenangst nehmen

„Das Hauptthema ist Einsamkeit. Hier begegnen sich Jung und Alt ganz selbstverständlich, es entsteht Raum für Gespräche und ganz alltägliche Gemeinschaft“, erzählt Sozialpädagogin Juli Bötel, Leiterin des 15,7. Und wie auch an der Wolfsburger Kreuzkirche haben sich hier vielfältige Angebote entwickelt: Internationale Kochgruppen, Live-Konzert-Abende, Kreatives, Nachbarschaftsfrühstück und vieles mehr.

Man darf nicht immer nur den Zweifeln folgen.“
Therese Zimkowsky, Lukaskirchengemeinde Wolfsburg

Die Wolfenbüttler Martin-Luther-Gemeinde sei Träger, das Quartierszentrum durchaus auch Brücke zur Kirchengemeinde. „Aber das schreiben wir nicht groß an die Tür. Durch die Beziehungen, die in den alltäglichen Begegnungen entstehen, entwickeln sich auch Gespräche über Glauben. Nicht der Glaube steht am Anfang, sondern die Beziehung zum Menschen.“

Nur so können man die Barriere, einfach mal vorbeizukommen, niedrig halten. Ein Gewinn für den Stadtteil ist sicher auch, dass im 15,7 Mitarbeitende aus dem Landeskirchenamt genauso zu Mittag essen wie Menschen, die gesellschaftlich eher am Rand stehen. Dauerhaft finanziell gesichert ist das Quartierszentrum nicht. „Unser Ziel ist, es zu verstetigen“, sagt Björn Bamberg. „Es gibt viel Einsamkeit, wir brauchen diese Arbeit und die Politik ist mittlerweile bereit, dafür auch Geld zu geben.“

...mehr über das Quartierszentrum 15,7 erfahren

Familienorientierte Kirche

Als lebensdienliches Netzwerk für Familien möchte sich die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers entwickeln. Der Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen ist als Pilot-Kirchenkreis für zwei Jahre dabei. 

...mehr erfahren

Pastorin Heike Burkert

Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen

Foto: Privat
Karsten Piehl
An der Christuskirche 3A
38440 Wolfsburg
Tel.: 05361 89333-10
Fax: 05361 89333-28