Böse Menschen kennen keine Lieder

15. Mai 2022

„Wo gesungen wird, da lass dich nieder. Böse Menschen kennen keine Lieder“ – das schrieb mir mein Klavierlehrer vor 43 Jahren ins Poesiealbum. Ein Spruch, der mich seit dem begleitet. Immer wieder habe ich die Erfahrung gemacht, dass gemeinsames Singen verbindet – in Freud und Leid. Es sind nicht nur Worte, die wir singen, sondern in sie fließen auch unsere Gefühle hinein. Auch bei Feiern auf unseren Dörfern, auch in den Gesangsvereinen.

Der Name dieses Sonntags ist Programm: „Kantate“ – das heißt: Singt! Der Wochenspruch steht im 98. Psalm (Vers 1): „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Auch in der Bibel sind kostbare Lieder überliefert: in den Psalmen, in den Klageliedern, aber auch angesichts von kritischen Situationen in und nach Kriegen: das Deboralied (Richter 5) oder das Mirjamlied (2. Mose 15,21). Am wirksamsten ist das Magnificat der Maria (Lukas 1,46-57). Gerade die Lieder von Frauen sind bis heute überliefert. Sie waren oft am ehesten in der Lage, ihren starken Gefühlen Ausdruck zu geben. Der Lobgesang der Maria ist voller Gottvertrauen. Er sieht die Not der Armen, der Hungrigen und der Opfer von Gewalt. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“. (Lukas 1,52) – Worte, die angesichts des furchtbaren Krieges in der Ukraine für mich neu zum Klingen kommen. Mich berühren auch die Bilder von Menschen, die in Bunkern im Kriegsgeschehen miteinander singen, sich gegenseitig stärken und dadurch gemeinsam neue Hoffnung fassen.

An diesem Sonntag Kantate feiern wir in Wittingen das Kirchenkreischorfest. Und wir führen feierlich unseren Kirchenkreiskantor Michael Jandek in sein Amt ein. Musik hat auch in unseren Gemeinden einen wertvollen, einen hohen Stellenwert. Wie sehr das so ist, wurde uns in vielen Monaten mit strikten Coronabeschränkungen deutlich, als wir nicht – wie sonst so vertraut – gemeinsam singen konnten. Manchmal haben das einige wenige stellvertretend für uns getan, und das hat uns sehr berührt.

Der Wochenspruch ermutigt uns dazu, auch neue Lieder zu singen – also auch neue Wege zu gehen, weil die Zeit nicht stehen bleibt. Ich wünsche Ihnen wie mir, dass wir immer wieder Freude an der Musik, am gemeinsamen Singen, erleben. Gott hat uns diese wertvolle Kraftquelle geschenkt. Dafür bin ich sehr dankbar.

Dr. Frank Kleinschmidt ist Pastor in Wittingen und Ohrdorf

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Frank Kleinschmidt
Pastor Dr. Frank Kleinschmidt
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