Aus den Augen, aus dem Sinn?

14. Mai 2026

„Aus den Augen, aus dem Sinn“ – das kennt wahrscheinlich jeder. Wenn die Rechnung nicht mehr sichtbar auf dem Schreibtisch liegt, vergisst man sie plötzlich erstaunlich leicht. Die Nachricht, auf die man eigentlich noch antworten wollte, rutscht im Handy immer weiter nach unten. Und irgendwann denkt man einfach nicht mehr dran.

Wir Menschen brauchen Erinnerungen. Dinge, die uns wieder aufmerksam machen auf das, was wichtig ist. Himmelfahrt ist genau so eine Erinnerung.

Jesus fährt in den Himmel auf. Für die Jünger heißt das erstmal: Er ist weg. Kein gemeinsames Essen mehr. Keine Gespräche unterwegs. Kein Jesus mehr, der direkt neben ihnen steht. Eigentlich müsste das doch traurig sein.

Aber erstaunlicherweise erzählt die Bibel etwas anderes. Da heißt es nach der Himmelfahrt: „Sie kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück.“ Mit Freude! Nicht verzweifelt. Nicht hoffnungslos.

Warum?

Vielleicht, weil die Jünger verstanden haben: Jesus ist zwar nicht mehr sichtbar da – aber deshalb noch lange nicht verschwunden. Er ist nicht einfach aus ihrem Leben gelöscht. Im Lukasevangelium steht ein schöner Satz: „Es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen.“

Jesus geht im Segnen. Sein letzter Moment mit ihnen ist kein Drama, sondern ein Zuspruch. Etwas bleibt zurück: Hoffnung. Vertrauen. Liebe. Die Jünger merken: Wir sind nicht allein. Und genau das gilt bis heute.

Natürlich können wir Jesus nicht sehen. Nicht anfassen. Nicht hören wie damals die Menschen in Galiläa. Aber seine Botschaft ist immer noch da. Dort, wo Menschen sich gegenseitig helfen. Wo jemand Trost spendet. Wo einer dem anderen vergibt. Wo Hoffnung nicht aufgegeben wird.

Vielleicht kennen Sie solche Momente: Ein Lied läuft im Radio – und plötzlich sind Erinnerungen wieder da. Ein Geruch erinnert an früher. Ein altes Foto holt einen Moment zurück, der längst vergangen schien.

Etwas kann unsichtbar sein und trotzdem noch wirken. So ist es auch mit dem Glauben.

Himmelfahrt bedeutet nicht: Jesus ist weg und jetzt sind wir auf uns allein gestellt. Sondern eher: Seine Gegenwart bekommt eine andere Form. Nicht mehr sichtbar an einem Ort – sondern mitten unter Menschen. Dort, wo seine Liebe weiterlebt. Dort, wo Menschen einander Mut machen. Dort, wo nicht nur an sich selbst gedacht wird.

Gerade in dieser Zeit tut diese Erinnerung gut. Denn vieles wirkt gerade laut und hart. Nachrichten voller Krisen, Streit und Sorgen. Und natürlich darf einen das beschäftigen. Aber das muss nicht alles bestimmen.

Jesu Botschaft setzt etwas dagegen. Menschlichkeit statt Kälte. Hoffnung statt Dauerpessimismus. Den Mut, füreinander da zu sein.

Vielleicht ist Himmelfahrt deshalb gar kein Fest des Abschieds. Sondern eine Erinnerung daran: Du bist nicht allein. Gott ist nicht fern. Und der Himmel ist näher, als wir denken. „Aus den Augen, aus dem Sinn?“ Bei vielem vielleicht. Bei Jesus nicht. Seine Worte, sein Segen und seine Hoffnung sind immer noch mitten unter uns.

Esther Staak ist Pastorin in Brome und Tülau

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Pastorin Esther Staak
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Tel.: 05833 970117