Jetzt rollt der Ball mal wieder. Das tut er zwar ohnehin fast immer, dafür sorgen schon die diversen Fußballverbände, um sich ihre Geschäfte nicht entgehen zu lassen. Aber Weltmeisterschaften sind dann doch besondere Zeiten. Mit langen Anläufen in Qualifikation und Vorrunde, und dann wird es in der K.o.-Phase immer fiebriger, bis schließlich zwei Mannschaften im letzten Spiel stehen und am Ende nur eine gewinnen kann. Darin besteht die Härte und der Reiz eines solchen Turniers: Es wird nur einen Sieger geben.
Vielleicht lieben wir Menschen das Einzigartige, das Exklusive. Etwas zu haben oder zu können oder zu sein, das niemand anderes hat oder kann oder ist, übt offenbar eine Faszination auf uns aus. Sonst würden wir nicht auf all die Siegertypen und Ausnahmetalente und Selfmadeleute und gekrönten Häupter starren. Wie viel Energie wird aufgewandt, um bloß aus der Masse herauszuragen und etwas Besonderes darzustellen. Es will ja niemand zu den Verlierern gehören, die es am Ende nicht schaffen, die nur unter ferner liefen ins Ziel kommen und danach alsbald in der Versenkung verschwinden.
Von so einem erzählt Jesus an diesem Sonntag. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn geht es um einen jungen Mann, der hoch hinaus will und dann ganz fürchterlich abstürzt. Aus seinem schönen Erbteil hat er am Ende nichts gemacht. Alles weg. Tiefer kann man nicht sinken. Und weil es schlimmer sowieso nicht kommen kann, fasst er sich ein Herz und kehrt zurück zu seiner Familie, um sich dort ganz hinten und ganz unten anzustellen. Und erlebt die große Überraschung: Er wird empfangen wie der Kronprinz. Als wenn es nur ihn gäbe und keinen anderen. Darüber regt sich der wirkliche Kronprinz auf. Man kann ihn verstehen, er hat hart gearbeitet und auf vieles verzichtet, um seiner Kronprinzenrolle gerecht zu werden. Jetzt fühlt er sich abserviert. Zwei Kronprinzen kann es nicht geben.
Kann es doch. Dem Vater der beiden Söhne gelingt, was wir so oft nicht hinkriegen: seine Liebe und Zuneigung nicht nur exklusiv zu verstehen. Wir sind es gewohnt, dass es nur einen Sieger, nur einen Besonderen, nur einen Auserwählten geben kann. Gott tickt da anders. Er liebt uns alle gleichermaßen – jede und jeden so, als gäbe es niemand anderen. Wenn Gott sich mir zuwendet, dann gibt es in diesem Moment nur eine/n: Mich. Aber niemand muss deswegen verlieren.
Karsten Heitkamp ist Pastor im Westen des Isenhagener Landes
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