Als der Verleger Axel Cäsar Springer 1948 die Lizenz für das Hamburger Abendblatt erhielt, führte er die neue Zeitung mit einer Kampagne ein: »Seid nett zueinander.« Mag sein, dass er damit einen Beitrag zu einem guten Miteinander der Bürger seiner Heimatstadt leisten wollte. Vielleicht ist das Motto sogar von einigen Menschen beherzigt worden. Ob Springer selbst mit den später begonnenen und weiterreichenden Elaboraten seines Verlages diesem Anspruch gerecht geworden ist, möchte ich nicht beurteilen. Aber irgendetwas scheint dieser einfache Satz auszustrahlen, denn er wird immer wieder aufgegriffen: Seid nett zueinander.
Dabei ist das Wort nett durchaus in Verruf geraten. Nett sei die kleine Schwester von – sagen wir: Mist. Wird oft gesagt. Wenn eine Sache »ganz nett« gewesen ist, dann ist das nicht selten eine freundliche Umschreibung für belanglos bis langweilig. Dem Netten haftet etwas Harmlos-Naives an. In der Idylle der Bullerbügeschichten von Astrid Lindgren sind eigentlich alle nett zueinander, nur der Schuster, der ausgerechnet Herr Nett heißt, ist es nicht. Ich bin manchmal fast froh, dass es da auch diese Figur gibt, sonst wäre es in Bullerbü geradezu unrealistisch nett.
Und trotzdem scheint es eine Sehnsucht zu geben, dass Menschen nett zueinander sind. Wer möchte nicht freundlich behandelt werden? Und was soll daran falsch sein, anderen freundlich gegenüberzutreten? Im Zweifelsfall kostet es nicht viel und macht das Miteinander angenehmer (oder überhaupt erst zu einem Miteinander). Es mag natürlich sein, dass man mit Nettigkeit nicht weit kommt, dass sie sich am Ende nicht rechnet. Aber eine Welt ohne nette Menschen mag ich mir, ehrlich gesagt, auch nicht vorstellen.
Dem Apostel Paulus scheint es ähnlich gegangen zu sein. Jedenfalls ruft er seine Leute immer wieder zu einem guten Umgang miteinander auf, zum Beispiel im Brief an die Gemeinde in Kolossä: »Zieht an als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld; und ertrage einer den andern und vergebt euch untereinander, wenn jemand Klage hat gegen den andern; wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! Über alles aber zieht an die Liebe, die da ist das Band der Vollkommenheit.« (Kolosser 3,12–14)
Viele Worte mit vielen Anspielungen. Paulus selbst konnte sehr wohl auch schwierig im Umgang sein, er hat es seinen Leuten nicht nur leichtgemacht und hat keine Konflikte gescheut. Und hielt es offenbar trotzdem für gut, nett zueinander zu sein. Das war sicherlich nicht nur damals in den ersten christlichen Gemeinden wünschenswert, sondern könnte vielleicht auch heute an manchen Stellen hilfreich sein.
Karsten Heitkamp ist Pastor im Westen des Isenhagener Landes
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