Lieber Gott, mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm.
So haben früher viele Kinder gebetet. Hände falten, Kopf senken, Augen zu. Frommsein hatte Haltung. In alten Kinderbüchern sitzt das Kind ordentlich am Bett, alles friedlich, alles aufgeräumt. Fast fehlt nur noch die Petroleumlampe.
Heute klingt „fromm“ aus der Zeit gefallen. Und Demut erst. Demut klingt nach Kniefall, Kleinmachen, bloß nicht zu viel von sich halten. Dabei könnte sie etwas anderes sein: die Freiheit, endlich von den Zehenspitzen herunterzukommen.
Denn auf Zehenspitzen stehen wir erstaunlich oft. Im Streit noch den letzten Satz brauchen. Beim eigenen Fehler erklären, warum eigentlich die Umstände schuld waren. Beim Erfolg des anderen freundlich nicken – und innerlich prüfen, wo wir selbst besser abschneiden. Ein bisschen größer wirken, als man sich gerade fühlt.
Und das ist anstrengend. Wie angenehm sind dagegen Menschen, die sagen können: „Da lag ich falsch.“ Die Hilfe annehmen. Die einen anderen glänzen lassen, ohne dass ihnen selbst ein Zacken aus der Krone fällt. Demut macht einen Menschen nicht kleiner. Sie schafft Platz.
Jesus erzählt von zwei Männern im Tempel. Der Pharisäer fastet, spendet, lebt anständig. Sein Problem beginnt, als er zur Seite schaut: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser Zöllner.“
Er betet nach oben und rechnet zur Seite. Der andere muss kleiner werden, damit er selbst größer wirkt.
Der Zöllner macht keine Rechnung auf. Er weiß, dass in seinem Leben einiges schiefgelaufen ist. Keine Ausrede, keine Rangliste. Nur: „Gott, sei mir gnädig.“
Beide Füße auf dem Boden.
Vielleicht ist das Demut: nicht mich kleinmachen, sondern aufhören, meine Größe ständig beweisen zu müssen. Vor Gott darf ich stehen, wie ich bin. Mit dem, was gelungen ist. Und mit dem, was ich lieber verstecken würde.
Lieber Gott, mach mich fromm.
Heute höre ich den alten Satz anders. Mach mich so fromm, dass ich vor dir nicht größer wirken muss, als ich bin. Und keinen anderen kleiner machen muss, damit ich mich groß fühlen kann.
Denn vor Gott muss niemand auf Zehenspitzen stehen.
Johann Staak ist Pastor in Brome-Tülau und Ehra
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