Auf meinem Küchentisch liegt ein Apfel mit einer braunen Stelle. Im Supermarkt hätte ich ihn wahrscheinlich liegen gelassen. Für Apfelmus ist er perfekt.
Mein Sohn liebt Pfannkuchen mit Apfelmus. Irgendwann durfte er deshalb selbst an die kleine Pfanne: Eier, Milch, Mehl, etwas Zucker, umrühren, ausbacken. Das klappt. Auch Apfelmus ist kein Hexenwerk. Äpfel schneiden, kochen, pürieren. Und schon riecht die Küche nach Kindheit.
Nur eines kann ich nicht: den Apfel machen.
Das klingt banal. Ist es aber nicht. Paulus fragt einmal: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ Ein ziemlich kurzer Satz. Und je länger ich darüber nachdenke, desto unbequemer wird er.
Denn wir sind es gewohnt, dass fast alles verfügbar ist. Äpfel liegen im Regal, Wasser kommt aus dem Hahn, Wissen aus dem Smartphone. Wenn etwas fehlt, bestellen wir es. Möglichst bis morgen. Und irgendwann fühlt sich Verfügbarkeit fast wie Unabhängigkeit an.
Dabei musste für diesen Apfel ziemlich viel geschehen, ohne dass ich etwas dafür getan habe: Sonne, Regen, Erde, Blüten, Bienen, Zeit. Ich kann pflanzen, schneiden, gießen. Aber ich kann mich nicht danebenstellen und sagen: „Nun wachse mal.“
Am 3. Oktober feiern wir Deutsche Einheit. Auch das ist so etwas, das für viele von uns einfach da ist: ein vereintes Land, Freiheit, Frieden im eigenen Alltag. Gerade wenn Debatten sich um Krisen, Kosten, Unsicherheit und das drehen, was nicht funktioniert, gerät leicht aus dem Blick, was längst trägt.
Erntedank setzt genau dort einen kleinen Stachel: Du hast nicht bei null angefangen.
Nicht bei deinem Körper. Nicht bei den Menschen, die dich geprägt haben. Nicht bei dem Land, in dem du lebst. Vieles dürfen wir gestalten. Aber vieles haben wir zuerst empfangen.
Vielleicht ist Dankbarkeit deshalb keine höfliche Zugabe. Sie verändert den Ausgangspunkt: nicht zuerst „Was fehlt?“, sondern „Was ist schon da?“
Ich mache das Apfelmus. Den Apfel nicht.
Und auf die Frage „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“ liegt die Antwort plötzlich auf meinem Küchentisch. Danke Gott!
Johann Staak ist Pastor in Brome, Tülau und Ehra
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