Manchmal ist die Welt, in der ich mich bewege, in die ich hineinschaue und in der ich lebe, zum Verzweifeln. Die Bedrohungen scheinen täglich zuzunehmen, Kriege werden vom Zaun gebrochen, viele Menschen habe eine große Friedenssehnsucht, aber um die Friedensbereitschaft und -fähigkeit ist es gerade wohl eher schlecht bestellt. Die Leute sind irgendwie unduldsamer geworden, die Zündschnüre kürzer, was mal zusammengehörte, driftet auseinander, und obwohl die persönlichen Belastungen und Anstrengungen zumindest gefühlt zunehmen, kann man trotzdem den Eindruck gewinnen, dass vieles immer schlechter funktioniert. Schwierige Zeiten.
„Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Im Wochenspruch für diese kommende Woche (1. Johannes 5,4) geht es um den Umgang mit den Verhältnissen, in und zwischen denen wir leben. Vom Überwinden ist die Rede – aber was heißt das? Man könnte den Satz so verstehen: Wenn die Welt immer anstrengender wird, die Zumutungen irgendwann unerträglich sind, dann will ich damit einfach nichts mehr zu tun haben und wende mich ab. In der Kirchengeschichte sind solche Bibelverse durchaus so verstanden worden. Dann machen Menschen ihr eigenes Ding, ohne Rücksicht auf den Rest der Welt.
Das kann zuweilen erstaunlich gut und erstaunlich lange funktionieren und mag für manche verlockend sein. Für erstrebenswert halte ich es nicht. Die Welt überwinden, das kann nicht heißen: Ist mir egal. Und umgekehrt auch nicht: Ich drücke der Welt meinen Stempel auf, mache sie mir untertan, ob sie will oder nicht. Ich glaube, überwinden heißt hier: die Welt sein lassen, wie sie ist, und zugleich darum wissen, dass sie nicht alles ist.
Es passt nicht zu uns Christenmenschen, in einer Sonderwelt zu leben, abgeschottet, ohne Anbindung an das, was sonst noch ist. Der „Sieg über die Welt“ wird ja im „Glauben“ erkannt. Ich stelle mir das so vor: Ich lebe in der Welt, wie sie ist, mit all den Macken, die sie hat und die ich habe. Das kann sehr anstrengend sein, mitunter schwer und mühsam und unerträglich. Aber all dieses Anstrengende und Schwere und Mühsame und Unerträgliche ist nicht entscheidend, auch wenn ich es nicht ändern kann.
Denn ich weiß: Es hat nicht das letzte Wort, sondern ich vertraue darauf, dass mir längst schon eine ganz andere Welt eröffnet ist. Mit diesem Wissen und Vertrauen kann ich mutig in der Welt leben, ohne sie verleugnen zu müssen, kann teilhaben und mich einmischen und aushalten, dass „die Welt“ manchmal nicht so will wie ich. Das ist vielleicht die Aufgabe: die Welt überwinden und trotzdem in ihr bleiben.
Karsten Heitkamp ist Pastor im Westen des Isenhagener Landes
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