Als wir heute Morgen Erntedank feierten mit Grundschulkindern in unserer Jakobus-Kirche in Radenbeck, schmückten wir den Altar unter anderem mit Äpfeln, Kürbissen, Kohl, Saaten, Traubensaftflaschen und Brot. Das sieht friedlich aus, aber in diesem Jahr fragen sich immer mehr Menschen: Wie friedlich ist es eigentlich noch? Die Preise steigen, die Welt wirkt unübersichtlich, und Parolen, die vor Kurzem noch undenkbar schienen, werden verstärkt am Stammtisch, in vielen Familienchats und manchmal sogar von Nachbarn wieder laut ausgesprochen. Rechtsextremes Denken tritt oft ganz harmlos und freundlich auf und gibt sich als bloße „Meinung“ aus.
Aber unsere evangelische Kirche tut sich schwer damit: Wir wollen der Ort sein, an dem man miteinander redet und gern auch streitet. Zugleich fragen wir uns, wie wir Ansichten aushalten sollen, die dem Kern unseres Glaubens vollkommen widersprechen: dass jeder Mensch Gottes Ebenbild ist, unabhängig von Herkunft und Leistung. Wer das ernst nimmt, kann Menschenverachtung nicht als eine Meinung unter vielen stehen lassen.
Gesprächsbereit zu sein heißt nicht, alles gleich gelten zu lassen. Vielleicht hilft uns der Erntedank bei der Unterscheidung: Er erinnert daran, dass wir von Gaben leben, die uns geschenkt sind, die wir also nicht selbst gemacht haben. Das Brot auf dem Tisch ist Frucht von Erde, Regen und vieler fremder Hände. Wer so dankt, kann sich nicht für etwas Besseres halten.
Dankbarkeit ist das Gegenteil von Abschottung, denn sie weiß, dass Leben immer geteiltes Leben ist. Darum können wir zuhören, ohne zuzustimmen. Wir können Ängste ernst nehmen und den Hass dahinter beim Namen nennen. Wir können fragen, was einen Menschen so unsicher macht, und trotzdem klar sagen: Hier ist meine Grenze. Das ist anstrengend und gelingt nicht immer. Aber der Psalm erinnert uns: Segen ist nicht unser Verdienst, er kommt uns entgegen.
So wünsche ich Ihnen ein Erntedankfest, das dankbar macht und mutig. Mutig genug, den Tisch zu decken und doch deutlich zu bleiben, wo es um die Menschenwürde eines jeden Menschen geht.
Florian Herterich ist Pastor in Knesebeck und Zasenbeck-Radenbeck
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