Nächstenliebe?

29. August 2026

„Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg auch keinem andern zu!“ Diesen Satz kennt fast jeder. Die sogenannte Goldene Regel. Eigentlich klingt das ziemlich einfach: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Wenn sich alle daran halten würden, wäre die Welt wahrscheinlich ein friedlicherer Ort.

Man kann sich das gut auf einem Spielplatz vorstellen. Zwei Kinder streiten sich, eines haut das andere. „Warum haust du denn die Lisa? Du möchtest doch auch nicht gehauen werden!“ Das leuchtet unmittelbar ein. Und vielleicht würde man ergänzen: „Wenn du den Max haust, dann musst du dich aber auch nicht wundern, wenn er zurückhaut.“ Wie du mir, so ich dir. Aber genau da wird es schon komplizierter. Denn was, wenn der andere ganz anders denkt als ich? Was, wenn er sich tatsächlich wehrt? Oder wenn er Dinge für richtig hält, die ich niemals tun würde? Dann reicht die einfache Rechnung „Wie du mir, so ich dir“ nicht mehr aus.

Jesus geht deshalb noch einen Schritt weiter. Er sagt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Und dann erzählt er die Geschichte vom barmherzigen Samariter.

Da liegt ein Mann halbtot am Weg. Er wurde überfallen, ausgeraubt und zusammengeschlagen. Zwei Menschen kommen vorbei. Sie sehen ihn – und gehen weiter. Vielleicht haben sie es eilig. Vielleicht wissen sie nicht, was sie tun sollen. Vielleicht wollen sie sich die Sache einfach nicht aufladen. Dann kommt ein Samariter. Und ausgerechnet er, ein Mensch, zu dem der Verletzte wahrscheinlich überhaupt keine Verbindung hatte. Er geht nicht vorbei. Er bleibt stehen. Er kümmert sich. Er verbindet die Wunden, bringt den Mann in eine Herberge und sorgt sogar dafür, dass dort weiter für ihn gesorgt wird.

Das ist mehr als die Goldene Regel. Der Samariter denkt nicht: „Was würde ich wollen, wenn ich hier liegen würde?“ Er sieht einfach: Dieser Mensch braucht Hilfe. Und er tut etwas. Nächstenliebe bedeutet nicht nur, anderen nichts anzutun. Sie bedeutet auch, hinzusehen. Wahrzunehmen. Und manchmal den eigenen Plan für einen Moment zu unterbrechen.

Das ist gar nicht so leicht. Wenn jemand auf der Straße einen Unfall hat, ist klar, dass man hilft und den Notruf wählt. Aber im Alltag sind die Situationen oft viel unscheinbarer. Da ist die ältere Nachbarin, die seit Tagen kaum jemanden gesehen hat. Da ist der Bekannte, der sich immer mehr zurückzieht. Da ist jemand, der beim Gespräch plötzlich still wird. Oder ein Mensch, der Unterstützung braucht, obwohl er nicht ausdrücklich darum bittet.

Und auch unsere Welt ist voller Menschen, deren Leben mit unserem verbunden ist, obwohl wir ihnen niemals begegnen. Die Kaffeebäuerin in einem fernen Land, die von ihrer Arbeit ihre Familie ernähren muss. Der Mensch, der unsere Kleidung näht. Menschen, die vor Krieg oder Armut fliehen und bei uns ein neues Leben suchen.

„Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das heißt nicht automatisch, dass wir die ganze Welt retten müssen. Das können wir gar nicht. Aber wir können mit offenen Augen durch unseren Alltag gehen. Wir können merken, wenn jemand Hilfe braucht. Wir können eine Tür öffnen, ein Gespräch führen, etwas abgeben, Zeit schenken. Manchmal ist Nächstenliebe ganz klein. Aber für den anderen kann sie genau im richtigen Moment kommen.

Der Samariter hat den verletzten Mann nicht gefragt, ob er selbst schuld war. Er hat nicht erst geprüft, ob der andere seine Hilfe verdient hatte. Er hat gesehen: Da braucht mich jemand. Nächstenliebe beginnt genau dort: wenn aus dem „Was du mir, so ich dir“ ein „Was brauchst du?“ wird.

Vielleicht nehmen Sie diese Frage mit: Wo kann ich heute ein bisschen von der Liebe weitergeben, die Gott mir schenkt? Denn Jesus sagt nicht nur: „Tu deinem Nächsten nichts Böses.“ Er sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das ist mehr. Es ist eine Einladung zu einer Welt, in der Menschen füreinander da sind. 

Esther Staak ist Pastorin in Brome und Tülau

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Pastorin Esther Staak
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